Volkswagen: verlor volkswagen den anschluss an china?
Ein Schock für die Wolfsburger? Während Volkswagen einst den chinesischen Markt mit eiserner Hand beherrschte, stellt die Entwicklung im Reich der Mitte das Unternehmen vor eine beunruhigende Frage: Hat man den Anschluss an die Bedürfnisse der chinesischen Autokäufer verloren? Der elektrische Durchbruch hat die Machtverhältnisse verschoben, und nun muss Volkswagen eine bittere Pille schlucken.

Die chinesische forderung nach reichweite
Die Nachfrage nach rein batteriebetriebenen Elektrofahrzeugen mit begrenzter Reichweite – sagen wir, 400 oder 500 Kilometer – schwindet in China. Stattdessen präferieren Konsumenten Fahrzeuge, die einen Verbrennungsmotor als Generator zur Aufladung der Batterie integrieren. Diese sogenannte Range-Extended-Elektrofahrzeuge (EREV) bieten die Sorge vor der „Reichweitenangst“ aus der Hand. Ein Umstand, den die chinesischen Hersteller längst erkannt und ausgenutzt haben.
Li Auto, ein Unternehmen, das sich gerade auf diese Technologie spezialisiert hat, nutzt den Launch des Volkswagen ID.Era 9X, um die Innovationskraft des deutschen Konzerns – und der gesamten europäischen Automobilindustrie – in Frage zu stellen. Mit spöttischem Unterton weisen sie darauf hin, dass Volkswagen sechs Jahre für eine Technologie benötigt hat, die in China seit Jahren Standard ist. Die Ironie ist kaum zu überbieten.
Volkswagen hat sich in diesem Zusammenhang auf eine Weiterentwicklung des bekannten EA211-Motors (bekannt beispielsweise aus Golf und Ibiza) als Generator verlassen. Für die Marke ein notwendiger Schritt, um eine Reichweite von über 1.000 Kilometern zu ermöglichen. Doch Li Auto sieht darin lediglich den Beweis für eine europäische Industrie, die langsam reagiert und auf vorhandene Bauteile zurückgreift, anstatt eigene, effizientere Systeme zu entwickeln. Die Verkaufszahlen bestätigen das Bild: EREV-Modelle gewinnen Marktanteile, während reine Elektrofahrzeuge mit geringerer Reichweite an Bedeutung verlieren.
Die bittere Wahrheit: Volkswagen betritt damit ein Spielfeld, auf dem chinesische Hersteller wie BYD und Li Auto bereits etabliert sind und über beträchtliche Größenvorteile und fortschrittlichere Energiemanagementsysteme verfügen. Es ist, als würde ein Neuling in ein Turnier kommen, in dem die anderen Spieler schon jahrelang trainieren.
Was wir hier beobachten, ist ein Zusammenstoß der Realitäten. Volkswagen musste wählen: Entweder an seiner ideologischen Überzeugung vom „reinen“ Elektroantrieb festhalten oder sich an die tatsächlichen Bedürfnisse des chinesischen Marktes anpassen. Die Entscheidung, einen klassischen Verbrennungsmotor zur Unterstützung der Batterie einzusetzen, unterstreicht, dass der Übergang zur Elektromobilität keineswegs so linear verläuft, wie ursprünglich geplant. Kurzfristig mag dies zu einer Stabilisierung der VW-Verkäufe in China führen, doch der Imageschaden ist erheblich.
In der Technologiebranche gilt: Wer nicht mehr den Weg weist, sondern dem Wettbewerb folgt, verliert die Fähigkeit, Preise und Standards zu diktieren. Die Herausforderung für Europa und andere kontinentale Hersteller besteht nun nicht mehr darin, den besten Verbrennungsmotor zu bauen, sondern mit der Geschwindigkeit zu iterieren, die in China zum Standard geworden ist. Die einst unangefochtene Führungskraft Europas im Automobilbau scheint in China ernsthaft gefährdet.